Sabotage
10.04.2026
Wenn der Blankenberger Carnevals Club zur Saison an den Ortseingängen seine Banner aufhängt, dann haben engagierte Ehrenamtliche gut zu tun. Schließlich will so eine Veranstaltung beworben werden, damit genügend Besucher kommen und sich Arbeit und der finanzielle wie organisatorische Aufwand sich lohnt.
Als die Banner am Ende der Faschingszeit wieder abgebaut werden sollten, musste man mit Entsetzen feststellen, dass sie entwendet worden waren. Was kann jemand mit gleich mehreren speziell für den Faschingsvereins gedruckten Bannern anfangen? Das einzige Tatmotiv, das plausibel erscheint, ist Sabotage. Jemand will denjenigen schaden, die aus sozialem Engagement in ihrer Freizeit alles dafür tun, der Ortsgemeinschaft eine schöne Zeit zu bereiten.
Mit viel Liebe und Einsatz gestaltete der Heimat- und Kulturverein Blankenberg unlängst die Kunstausstellung „Louvre de Blankenberg“ in der ehemaligen Sparkassenfiliale – und es kamen viele Besucher, teils sogar von weit her! Manch einer fand den Weg nicht sogleich. Deshalb stand an der Kirche ein Aufsteller, der die Richtung wies. Schon eine Viertelstunde nach Eröffnung hatte jemand diesen Wegweiser umgedreht und damit Leute in die Irre geschickt.
Kurz nach der Eröffnung verschwanden die dann plötzlich meisten Plakataushänge von den Schwarzen Brettern der Gemeinde, so als wolle jemand verhindern, dass Besucher zu den weiteren Terminen kämen. Der Bürgermeister sagte, dass die Mitarbeiter des Bauhofs sie nicht abgenommen hätten.
Neue Plakate kosten nicht nur Geld, sondern müssen auch erst im Ordnungsamt zu den Öffnungszeiten abgestempelt werden. Also viel Lauferei und Bürokratie obendrein. Ein Witzbold, der sich dabei Böses denkt!

Zu guter Letzt wurde dann auch noch nachts das Vereinsbanner am Haus der Ausstellung von der Leine geschnitten. Die klaren glatten Schnitte zeigen, dass es mit einer Schere gemacht wurde. Kein Sturm hatte dem Band etwas anhaben können. Es war somit pure böswillige Absicht und eine vorbereitete Straftat, denn wer trägt schon eine Schere mit sich herum?

Der materielle Schaden ist vielleicht nicht sehr groß, wohl aber der Schaden, den man damit anrichtet. Das Haus steht auf einem Privatgrundstück. Es ist daher Hausfriedensbruch, Vandalismus und Diebstahl.
Entsprechend auch die Anzeige, die der Verein bei der Polizei erstattet hat. Da es sich um wiederholte Fälle handelt, werden Ermittlungen folgen. Es wird auch Zeit, den oder die Täter dingfest zu machen. Die Ereignisse häufen sich ja inzwischen. Mal wurde ein Feuerwehrmann nach dem Dorffest in Birkenhügel auf offener Straße krankenhausreif geschlagen, mal wurde – wie sich herumsprach – von Mitgliedern im Gemeinderat dazu aufgerufen, eine Weihnachtsveranstaltung in Blankenstein zu boykottieren…
Und das in einer Zeit, in der es die Kultur immer schwerer hat, überhaupt noch etwas auf die Beine zu stellen.
Schwer gemacht wird einem auch das Erstatten einer Anzeige. Noch eine Geschichte, die erzählt werden muss:
10 Uhr morgens in Bad Lobenstein. Das große Polizeigebäude gegenüber von Penny steht wie eine verlassene, abweisende Festung im düsteren Licht des wolkenverhangenen Morgens. Das Schild „Polizei“ wirkt nicht gerade wie eine Einladung. Alles dunkel. Nichts regt sich. Wir stehen vor verschlossenen Türen.
Wir klingeln, und es ertönt ein lautes Rufsignal, das die Stille zu zerschneiden droht. Minutenlang geschieht gar nichts, nur das penetrante Rufsignal scheint sich bis in alle Ewigkeit auszudehnen. Schließlich ein erlösender Türsummer. Leise. Kurz. Wir rütteln wieder an der Tür, und jetzt lässt sie sich öffnen.
Wir stehen in einem Vorraum. Vor uns eine verschlossene Glastür, links ein großes dunkles Fenster. Daneben unscheinbar eine kleinere Tür mit Glasscheibe. Wir stehen wie verloren da in diesem Glashaus. Jetzt nur nicht mit Steinen werfen!
Es bleibt dunkel. Minuten später ertönt erneut das leise Summen eines Türöffners. Wir rütteln an der einen Tür, wir rütteln an der anderen Tür, und tatsächlich gibt sie nach.
Wieder stehen wir in einem anderen Raum. Links ein Tresen, an der entfernten Wand ein großes Glasfenster. Alles dunkel.
Dann ist das Licht einer Schreibtischlampe zu erkennen. Hinter dem Fenster rührt sich etwas. Eine Frau geht hin und her, und irgendwo muss da auch ein Mann sein. Da wir nicht einfach verschwinden, wie eine Fatamorgana, kommt schließlich diese Frau „Polizei“ in den Raum mit dem Tresen. Nicht überschwänglich freundlich fragt sie nach unserem Anliegen, wer denn nun was von ihr wolle. Auf ihrer Stirn steht quasi geschrieben „was kommen Sie hier mit so vielen Personen her!?“
Wir erklären, unser Vereinsbanner sei gestohlen worden, die Fahne vom Heimat- und Kulturverein Blankenberg. Wer wir denn seien und wem von uns denn nun etwas gestohlen worden sei, will sie wissen. Ich sage, dass es das Banner des Vereins sei, das auf meinem Grundstück gehangen hat und dort hing wegen der Kunstausstellung der Viola, die mit uns in der Wache sei. Der Mann sei der 2. Vorsitzende.
Hilfesuchend schaut sie planlos von einem zum anderen. Ich drücke ihr ein Foto des gestohlenen Objekts und meinen Ausweis in die Hand. Unwillig setzt sie sich hinter ihren Computer und tippt eher hilflos und verwirrt. Wir hören es ab und zu klappern. Aus dem Nachbarzimmer mit der riesigen Fensterscheibe schaut ihr Kollege und sagt, er sei gerade da drauf, und würde das in zwei Minuten wohl wieder freigeben. Dann könne sie.
Die grauhaarige Polizistin schleicht wieder zum Tresen und stellt meinen beiden Begleitern Fragen, die zeigen, dass sie offenbar gar nichts begriffen hat oder nicht bei der Sache ist. Sie beginnt, die Personalien aufzunehmen und verlangt die Ausweise. Dass sie meinen längst auf ihrem Schreibtisch abgelegt hat, hat sie längst vergessen. Name, Adresse, Telefonnummer. Viola fragt, wie denn ihr Name sei. „Glück!“ Na, dann haben wir ja heute Glück, so ein Glück!
Was das gestohlene Objekt gekostet habe? Wir erklären, dass der materielle Schaden nicht erheblich ist, dass die Anzeige aber fällig ist, weil es wiederholt zu Sabotageakten in der Gemeinde gekommen ist. Unsere Worte scheinen einfach durch sie hindurchzugehen wie ein Windhauch. Wen sie denn nun verhören solle? Schließlich entscheidet sie sich zögerlich für den 2. Vorsitzenden des Vereins. Wir anderen beiden müssen den Raum verlassen.
Auf der anderen Seite des Ganges öffnet sich eine Tür in einen Warteraum. Ein Tisch, verschiedene Flyer, ein paar Stühle, kalte Atmosphäre, jedes Wort hallt wie im Badezimmer.
Nun sitzen wir da, reflektieren über das Erlebte und warten. Einige Telefonate später beginnt Viola aus einer der Broschüren über Suchtprobleme eine Büchermaus zu falten. Sie faltet und faltet. Wie schön, dass das Heft so viele Seiten hat! Jetzt hätte sie Augen gebraucht, aber wer trägt schon ständig Wackelaugen mit sich herum!
Ein bisschen Surfen im Internet und Mails lesen im Handy – aber der Empfang ist nicht sehr gut.
Ich habe übrigens zwei Lieder über die Sabotage generiert, fällt mir ein. Dann schick sie mir doch bitte. Ich suche sie im Handy und schicke sie ihr.
Wir unterhalten uns über die Ausstellung, die letzten beiden Öffnungstage, eine mögliche Finissage, über Gott und die Welt, und die Wände hallen mit. Der Türsummer brummt einige Male, Leute kommen in den Vorraum. Wir hören Stimmen. Jemand telefoniert.
Wir sind jetzt fast zwei Stunden hier. Entweder haben sie erstmal Lutzis Stasiakten aus dem Archiv geholt und komplett durchgelesen, oder er hat einen Einstellungstest incl. Assessment Center und Vertragsunterzeichnung durchgemacht…
Ich schreibe ihm eine Nachricht, ob er einen Einstellungsvertrag bekommen habe.
Viola wandert im Warteraum auf und ab. Durch die Glastür sieht sie Lutzi immer noch am Tresen stehen. Langsam hat er die Faxen dicke. Dann kommt er heraus.
Hast Du ein Schreiben bekommen? Nein, das machen die heute alles digital. Na ja, hier in Thüringen gibt es viel Berg und viel Tal. Wer weiß, ob es hier auch ein Digital gibt?
Dann sind wir draußen. Glück gehabt. – Oder auch nicht. Jedenfalls muss sich Lutzi erstmal Luft machen. Diese Ausgeburt an Inkompetenz, flucht er. Musste mehrmals den Kollegen holen, weil sie mit dem Computer nicht zurechtkam und hatte keine Ahnung von gar nichts, meint er. Ich sage, Ihr hättet die Rollen tauschen sollen. Das hättest Du selber viel schneller in den Computer hacken können, und sie hätte sich ja vor den Tresen stellen und die Anzeige aufgeben können. Wir lachen. Ich denke bei mir: 3 Stunden mit 3 Personen, und am Ende hat sie vielleicht auch noch vergessen, auf Speichern zu drücken. Glück muss man eben haben!
10.04.2026
